• Stromversorgung in der DDR


    Nach der infolge des Zweiten Weltkriegs entstandenen Teilung Deutschlands entwickelte sich die Stromversorgung der zwei deutschen Staaten völlig unterschiedlich. Anfangs hatten beide Länder große Schwierigkeiten, die durch den Krieg zerstörten Kraftwerke und Stromversorgungsleitungen wieder aufzubauen. Die BRD konnte dabei auf technische Unterstützung durch die westlichen Länder zurückgreifen und war vergleichsweise schnell in der Lage, eine störungsfreie Versorgung von Industrie und Bevölkerung zu gewährleisten. Die DDR musste mit dem unzureichenden technischen Know-how der Sowjetunion versuchen, das Land flächendeckend mit Strom zu versorgen. Zunächst wurde das Land in fünf Energiebezirke aufgeteilt, die später auf sechs erweitert wurden. Verschiedene Umstrukturierungen folgten, ab 1979 waren bis zum Ende der DDR 15 Energiebezirke für die Stromversorgung zuständig. Die Betriebsdirektionen der Bezirke wurden in volkseigene Betriebe (VEB) umgewandelt und waren unter der Führung des zentralen VEB Verbundnetz für die Versorgung der ganzen DDR zuständig.

    Der Strom wurde in der DDR zum allergrößten Teil aus der Verbrennung von Braunkohle gewonnen, die stark schwefelhaltig war. Eine Entschwefelung wurde nicht vorgenommen, sodass die Umweltbelastung immens war. Die freigesetzten Schwefeldioxide führten zum Waldsterben in der Umgebung und belasteten die Gesundheit der Einwohner sehr. Kernkraft spielte in der DDR nur eine nebensächliche Rolle. Lediglich zwei Kernkraftwerke gingen 1973 in der Nähe von Lubmin in Betrieb, sie deckten ungefähr 10 % des Energiebedarfs der DDR. Die mit russischer Technik ausgerüsteten sogenannten Wasser-Wasser-Energie-Reaktoren WWER wurden nach der Wende wegen unzulänglicher technischer Ausstattung nicht mehr in Betrieb genommen und befinden sich seit 1995 im Rückbau. Ein weiteres Kernkraftwerk, das den größten Teil der Versorgung der DDR sicherstellen sollte, war in der Nähe von Greifswald geplant. Die Pläne wurden jedoch nicht mehr verwirklicht. Untersuchungen zu Windkraftanlagen waren in den achtziger Jahren in Auftrag gegeben worden, einige Windkrafträder, die zu DDR-Zeiten nur einen sehr geringen Teil der Stromversorgung ausmachte, sind noch heute in Betrieb.

    Die Nennfrequenz des Netzes wurde mit 50 Hertz angegeben schwankte aber zwischen 40 und 60 Hertz. Diese Schwankungen verursachten Spannungsspitzen, die im schlimmsten Fall dazu führten, dass automatische Spannungsrichter durchbrannten. Auf die Genauigkeit elektrischer Uhren war aus diesem Grunde kaum Verlass. Der Normalbürger der DDR war an Engpässe und Schwankungen bei der Stromversorgung gewöhnt und wusste kreativ damit umzugehen.

    Die großen Probleme der DDR, eine störungsfreie Stromversorgung sicherzustellen, hatten mehrere Ursachen. Zum einen waren viele Leitungen noch lange Zeit oberirdisch verlegt und deshalb besonders anfällig für witterungsbedingte Beschädigungen. Zum anderen war die Technik der Kraftwerke teilweise völlig veraltet. Außerdem kam es zu Ausfällen, weil die notwendige Braunkohle nicht rechtzeitig angeliefert worden war. Engpässe in der Versorgung mit Strom gab es so häufig, dass 1963 eine jährliche Energieplanung unter dem Namen Energieverordnung (EnVO) eingeführt wurde. Jeder Abnehmer, der einen Spitzenbedarf von mehr als 25 Kilowatt oder jährlich 50.000 Kilowattstunden hatte, musste einen monatlichen Antrag stellen. Dieser wurde vom Energiekombinat an das Industrieministerium weitergeleitet. Die Regelung betraf außer den Industriebetrieben auch staatliche Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Ämter. Überstiegen die Anforderung die Produktionsleistung, wurden die beantragten Kilowattstunden vom Ministerium gekürzt und dem Verbraucher entsprechend niedrigere Kontingente zugeteilt. Die Einhaltung dieser Zuteilungen war gesetzlich vorgeschrieben. Durch die EnVO war der Staat berechtigt, in die Verbraucherrechte für freien Strombezug einzugreifen. Ziel war es, die Stromversorgung auch in Zeiten hohen Stromverbrauchs störungsfrei zu gewährleisten. Um bei Kraftwerksausfällen eine Abschaltung des Netzes zu verhindern, wurden verschiedene Versorgungsstufen eingerichtet, die dreimal täglich im Rundfunk ausgerufen wurden. Meldepflichtige Stromabnehmer waren verpflichtet, die Nachrichten jeden Werktag abzuhören und bei entsprechenden Warnstufen den Stromverbrauch einzuschränken.

    Trotz der EnVO kam es sehr häufig zu Engpässen und Stromausfällen. Gerade bei Unwettern, Sturm und starkem Schneefall waren die Stromleitungen unterbrochen und mussten erst geflickt werden. Die Kraftwerke fielen nicht nur wegen des Mangels an Brennstoffen aus, sondern auch wegen technischer Defekte. So neigte beispielsweise ein Leitungsschalter aus Rumänien zu Kurzschlüssen, da die Stege innerhalb des Schalters aus Hartpappe gefertigt waren. Auch Schalter aus DDR-eigener Produktion legten wegen mangelhafter Fertigung die Produktion häufig lahm. Die Robur-Werke in Zittau konnten aufgrund eines Schalterkurzschlusses einmal drei Tage lang keinen Strom produzieren. Die DDR-Führung unter Walter Ulbricht nutzte solche Vorfälle, um in den Zeiten des Kalten Krieges die "westlichen Imperialisten" für die "Sabotage" verantwortlich zu machen. 1951 wurde ein Betriebsunglück im Umspannwerk in Oberoderwitz, das durch einen explodierten Ölschalter beschädigt worden war, dazu genutzt, die Stimmung gegen die BRD anzuheizen.

    Erst als das gesamte Versorgungsnetz unterirdisch verlegt worden war, wurden witterungsbedingte Störungen seltener. Dafür litten die veralteten Kraftwerke zunehmend unter Pannen. Modernisierungen waren geplant, konnten jedoch wegen finanzieller Engpässe nicht durchgeführt werden. Die Planungen sahen Laufzeiten vor, die doppelt so lang waren wie für die Kraftwerke der BRD. Mit der Wende erfolgte eine Erneuerung des gesamten Stromnetzes und der am Netz befindlichen Kraftwerke, sodass die Energieversorgung in ganz Deutschland mittlerweile auf gleichem Niveau ist.
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